Daniela Kolbe (MdB): „Eine breite gesellschaftliche Debatte ist von ganz entscheidender Bedeutung“

Mitte Januar hat die neue Enquete-Kommission „Wachs­tum, Wohl­stand, Lebens­qua­li­tät“ ihre Arbeit auf­ge­nom­men. In sei­ner Eröff­nungs­rede zur kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung appel­lierte Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert (CDU) an das neue Gre­mium, eine klare Bestands­auf­nahme zu lie­fern sowie Per­spek­ti­ven im Kon­text einer sozia­len Markt­wirt­schaft auf­zu­zei­gen. Zwar sei das Thema nicht ganz neu und werde bereits seit Jah­ren in der Öffent­lich­keit dis­ku­tiert, doch werde es nach den Erfah­run­gen der Tur­bu­len­zen auf den Finanz­märk­ten im Herbst 2008 nun Zeit, diese Fra­gen wie­der auf­zu­grei­fen und in die Arbeit die­ses Gre­mi­ums ein­zu­brin­gen. Den Vor­sitz der Kom­mis­sion hat die SPD-Parlamentarierin Daniela Kolbe. Bar­bara Menke, bap-Vorstandsmitglied, sprach mit ihr über Ziel­set­zun­gen der Kom­mis­sion, Aspekte wie Bil­dungs­chan­cen und –gerech­tig­keit sowie der Rolle der Poli­ti­schen Bil­dung für die Arbeit des Gremiums.

Frau Kolbe, was ist die zen­trale Ziel­set­zung der Enquete-Kommission „Wachs­tum, Wohl­stand, Lebensqualität“

In den Indus­trie­na­tio­nen und gerade in Deutsch­land erle­ben wir ein Absin­ken der wirt­schaft­li­chen Wachs­tums­ra­ten, gleich­zei­tig haben immer mehr Men­schen den Ein­druck, dass Wirt­schafts­wachs­tum nicht mehr auto­ma­tisch zu mehr Lebens­qua­li­tät für sie selbst und ihre Fami­lien führt. Zudem spü­ren wir immer stär­ker die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen einer Poli­tik, die nur auf quan­ti­ta­ti­ves Wachs­tum setzt: Umwelt­zer­stö­rung, stei­gen­der Res­sour­cen­ver­brauch, ein Aus­ein­an­der­drif­ten von Arm und Reich sowie eine stete Inten­si­vie­rung und Ent­gren­zung der Arbeit seien hier als Bei­spiele genannt.

Wie wol­len Sie dem entgegenwirken?

Als Enquete-Kommission haben wir uns die Auf­gabe gestellt, diese Ent­wick­lun­gen in Augen­schein zu neh­men, zu dis­ku­tie­ren und dar­aus Schlüsse zie­hen. Wir wol­len dem Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP), also der Maß­zahl für Wirt­schafts­wachs­tum, einen zwei­ten Indi­ka­tor zur Seite stel­len, der Aspekte der Lebens­qua­li­tät und der Nach­hal­tig­keit misst, etwa Umwelt­fra­gen, Zugang zu Bil­dung, sozia­ler Zusam­men­halt und Teil­habe, Gesund­heit und andere mehr. Damit nicht genug. Auch die Fra­gen, ob man Wirt­schafts­wachs­tum vom Res­sour­cen­ver­brauch abso­lut ent­kop­peln kann, wie wir als Gesell­schaft mit mög­li­cher­weise gerin­ger wer­den­den Wachs­tums­ra­ten umge­hen kön­nen, in wel­chen Berei­chen wir Wachs­tum wol­len und in wel­chen nicht und wel­che Instru­mente die Poli­tik nut­zen sollte, um diese Ziele errei­chen, all das wol­len wir dis­ku­tie­ren. Also: Vol­les Pro­gramm und viele wich­tige Fra­gen, die es zu klä­ren gilt.

In den Kon­text von Wachs­tum, Wohl­stand und Lebens­qua­li­tät wer­den auch Aspekte wie „Bil­dungs­chan­cen und Bil­dungs­ni­veau“, „Qua­li­tät öffent­li­cher Daseins­für­sorge“ und „poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­tion“ ein­be­zo­gen. Warum?

Wir wol­len einen Fort­schritts– oder Wohl­stands­in­di­ka­tor ent­wi­ckeln, der der Poli­tik eine Maß­zahl in die Hand gibt, die beschreibt, ob sich die Gesell­schaft in eine posi­tive, nach­hal­tige Rich­tung ent­wi­ckelt. Und wenn wir über Fort­schritt, über gesell­schaft­li­che Teil­habe und über Lebens­qua­li­tät spre­chen, dann ist sofort ein­sich­tig, dass dazu in unse­rer Gesell­schaft der Zugang zu guter und wei­ter­füh­ren­der Bil­dung gehört, ebenso wie eine gute Gesund­heits­ver­sor­gung dazu­ge­hört. Unsere Demo­kra­tie ist außer­dem nur dann stark, wenn sich viele Men­schen betei­li­gen kön­nen und wollen.

Wer­den in die Erar­bei­tung der Ergeb­nisse auch Erfah­run­gen von Bil­dungs­ein­rich­tun­gen einbezogen?

In der Enquete arbei­ten 17 Mit­glie­der des Bun­des­ta­ges mit 17 Sach­ver­stän­di­gen zusam­men. Die Sach­ver­stän­di­gen kom­men fast aus­nahms­los aus der Wis­sen­schaft. Und die Enquete ver­folgt auch einen sehr wis­sen­schaft­li­chen Ansatz. Den­noch sind wir natür­lich offen für Erfah­rungs­be­richte. Die kön­nen uns gern zuge­sandt und über­mit­telt werden.

Wie soll der Pro­zess der Kom­mu­ni­ka­tion der Ergeb­nisse aussehen?

Die breite gesell­schaft­li­che Debatte über das Thema ist von ganz ent­schei­den­der Bedeu­tung, wenn die Enquete Erfolg haben soll. Ein Bei­spiel ist der geplante Fort­schritts­in­di­ka­tor. Es gibt ja schon heute zahl­rei­che Indi­ka­to­ren, die gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt und Umwelt­fra­gen mes­sen. Wenn ein Indi­ka­tor aber wirk­lich Bedeu­tung haben soll, muss er medial, öffent­lich und poli­tisch ernst genom­men wer­den. Das gelingt nur, wenn öffent­lich und breit dar­über dis­ku­tiert wird. Auch aus die­sem Grund tagt die Enquete öffent­lich. Wir laden inter­na­tio­nale Grö­ßen ein, um mediale Öffent­lich­keit zu errei­chen und die poli­ti­schen Par­teien pla­nen alle­samt eben­falls beglei­tende Veranstaltungen.

Wie kann sich die Poli­ti­sche Bil­dung einbringen?

Wel­che Bedeu­tung hat quan­ti­ta­ti­ves Wachs­tum für unsere Gesell­schaft? Auf wel­che ande­ren Aspekte, neben dem quan­ti­ta­ti­ven Wachs­tum, sollte sich die Poli­tik kon­zen­trie­ren? Was ist ent­schei­dend für Lebens­qua­li­tät und Wohl­stand im 21. Jahr­hun­dert? Wel­che Form des Wirt­schaf­tens kön­nen wir unse­rem Pla­ne­ten zumu­ten? Das sind große Fra­gen von denen ich mir wün­sche, dass sie die Poli­ti­sche Bil­dung stellt und in ihrer Arbeit the­ma­ti­siert. Einer­seits, um die Men­schen zu sen­si­bi­li­sie­ren und an der Debatte zu betei­li­gen aber natür­lich kön­nen Ergeb­nisse auch in die Arbeit der Enquete einfließen.

Inter­view mit Daniela Kolbe

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