Praxis Politische Bildung 2/10: "Web 2.0 und Politische Bildung"
Editorial
"Macht das Internet doof?" lautete vor einiger Zeit ein Spiegel-Titel (33/08). Unter der Überschrift "Vernetzt, verquatscht, verloren" ging es um Entwicklungen, wie sie in den letzten Jahren, passend zum Jubiläum von Adornos Theorie der Halbbildung, von verschiedenen Seiten - genannt seien nur die beiden Streitschriften "Theorie der Unbildung" (Liessmann) und "Bildung im Bermuda-Dreieck" (Pongratz) - als vorherrschendes Bildungsprofil problematisiert und bilanziert wurden. "Es ist ein Paradox", hieß es im Spiegel, "nie zuvor in der Geschichte gab es mehr Informationen, nie zuvor hatten mehr Menschen rund um die Erde günstiger und müheloser Zugang zu Wissen, Bildung und Kommunikation"; doch mittlerweile setze sich die Erkenntnis durch, "dass es auch Nachteile gibt.
Das größte Problem des Internets ist die Kehrseite seines größten Vorteils - das Überangebot an Informationen." Verdummung breite sich aus, "Kritische Vernunft" suche man vergeblich. Ernsthafte Lektüre, Aneignung geistiger Inhalte und Auseinandersetzung mit den gebotenen Positionen - Fehlanzeige! "Das Lesen von Buchdeckel zu Buchrücken verschwindet", zitierte der Spiegel einen Experten (der selber von Büchern wenig Ahnung zu haben scheint) und bot eine Auswahl kritischer Stimmen auf, die in dieselbe Kerbe schlugen.
Ist das ein Presse-Hype, also die Aufbauschung oder freihändige Konstruktion eines Sorgefalles, um in der Konkurrenz des Medienbetriebs mit einer Schlagzeile verkaufsfördernd aufwarten zu können? Ist das Internet nicht vielmehr der Ort der gleichberechtigten, völkerverbindenden Kommunikation - das gesammelte Weltwissen, das Gedächtnis der Menschheit oder gar der wahr gewordene Traum älterer Medientheorien, die aus jedem Empfänger einen Sender machen wollten? Oder ist das gerade der aktuelle Medien-Hype, der mit dem Label "Web 2.0" wieder die Verheißungen des Internets auffrischt, wie sie im Schwange sind, seit das Netz begonnen hat, die Position des Leitmediums zu erobern?
Tja, das sind Fragen, bei denen der Laie ratsuchend zum Fachmann blickt. Nur herrscht dort, wie ein entsprechender Suchauftrag bei Google in Sekundenschnelle dokumentiert, auch kein Konsens - weshalb sich die pädagogische Profession selber um Klarheit bemühen muss.
Das war der Anlass für den Runden Tisch der politischen Bildung, dem Thema verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen und Anfang 2010 eine Fachtagung "Web 2.0" durchzuführen. An die Konsultationen des Runden Tisches und die Fachtagung knüpft das vorliegende Heft an. Eingangs umreißt der Diplom-Pädagoge Jöran Muuß-Merholz die technischen Neuerungen, die die Rede vom Web 2.0 begründen, und zeigt deren Bedeutung für Gesellschaft und Bildung auf. Im Anschluss daran diskutiert Guido Brombach vom DGB-Bildungswerk konkrete didaktische Möglichkeiten, die sich aus der Weiterentwicklung des Internets ergeben. Joachim Schulte, Leiter der Virtuellen Akademie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, berichtet von den Erfahrungen eines großen Bildungsträgers beim Einsatz des Internets in der politischen Bildung. Danach resümiert Johannes Schillo (Redaktion PPB) die Auseinandersetzungen in der außerschulischen politischen Bildung mit den neuen medialen Möglichkeiten und stellt auch den aktuellen Diskussionsstand nach der Tagung in Hattingen dar.
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Unter UMSCHAU greift Dr. Friedrun Erben (Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung) ein Thema auf, das PPB (vgl. 4/07, 3/08) seit längerem beschäftigt: die Arbeit mit "politik-" oder "bildungsfernen" Zielgruppen. Erben stellt die Notwendigkeiten, Chancen und Schwierigkeiten der Praxis am Beispiel eines Projekts der Evangelischen Trägergruppe dar. Dr. Helle Becker bringt ebenfalls konkrete Projekterfahrungen ein, und zwar am Beispiel des "Demokratieführerscheins". Mit diesem Ansatz, der bei der Weiterbildungskonferenz NRW Ende 2009 vorgestellt und mit viel Beifall bedacht wurde, versuchen Volkshochschulen neue Wege der politischen Jugendbildung zu erproben. Abschließend umreißt Prof. Benno Hafeneger (Universität Marburg) die aktuellen bildungspolitischen Tendenzen, die auch den Rahmen für die politische Bildung abgeben.
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Die weiteren Rubriken bringen Nachrichten, Kommentare und Materialien zur außerschulischen Bildungsszene. Dabei spielen natürlich die Vorgänge seit der Regierungsbildung eine wichtige Rolle. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf die Rede der neuen Jugendministerin im Deutschen Bundestag (siehe unter DISKUSSION).
Wie immer sind alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der politischen Bildung aufgefordert, vom Forum PPB Gebrauch zu machen. Zu den Themenschwerpunkten sollten möglichst frühzeitig Anregungen und Vorschläge an die Redaktion gerichtet werden. Das Gleiche gilt für Hinweise auf Projekte, Veranstaltungen u.a. Dabei sind die Redaktionstermine der Zeitschrift (siehe Heftplanung) zu berücksichtigen.
Johannes Schillo