bap-Newsletter: Ausgabe 1/2014

Sie kön­nen die Aus­gabe 1/2014 hier einsehen und herunterladen.
Lesen Sie hier das ausführliche Interview mit  Markus Meckel (Präsident Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.).

 

„Leider sind es wieder einmal Krisen […], die uns in Erinnerung rufen, wie zentral die Bedeutung historisch-politischer Bildung ist.“

Markus Meckel ist Theologe und Politiker. Er war in der oppositionellen politischen Arbeit in der DDR engagiert, ist u.a. ehemaliger Außenminister der DDR (März bis Oktober 1990) sowie ehemaliges Mitglied des Bundestages (1990 bis 2009). Seit Oktober 2013 ist er Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Wir haben vor dem Hintergrund des Gedenkjahrs 2014 ein Interview über den Stellenwert historisch-politischer Bildung mit ihm geführt.

Herr Meckel, welchen Stellenwert hat aus Ihrer Sicht aktuell die historisch-politische Bildung und wie beschreiben Sie deren Rolle im Verhältnis zur Politischen Bildung?

Die historisch-politische Bildung geht aus von geschichtlichen Zusammenhängen und versucht, daraus aktuelle politische und gesellschaftliche Realitäten begreifbar zu machen.
Sie ist ein wesentlicher Teilbereich der politischen Bildung, denn sie zeichnet den Hintergrund, vor dem wir handeln. Sie zeigt Alternativen auf, gegen die wir uns in Deutschland und in der EU bewusst entschieden haben und erklärt die Beweggründe.
Die europäische Idee ist doch – dies zeigen gerade Krisen – kaum zu vermitteln, ohne die Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen.
In Sachen Gedenkkultur ist das Jahr 2014 ein spannendes Jahr. Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg. Und: Vor 25 Jahren fiel die Mauer.
Erst nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und angesichts der Herausforderungen des Kalten Krieges gelang in Europa der Prozess der Integration.
Historische Lernorte noch stärker zu verknüpfen mit politischer Bildung halte ich für einen lohnenden Ansatz, in den Bildungsstätten des Volksbundes praktizieren wir dies bereits mit unterschiedlichen Partnern.

Welchen Handlungsbedarf identifizieren Sie als Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. angesichts der vielfältigen aktuellen Krisensituationen in Europa, um die historisch-politische Bildung nachhaltig in der schulischen und außerschulischen Bildung zu verankern?

Leider sind es wieder einmal Krisen, wie etwa die in der Ukraine und auf der Krim, die uns in Erinnerung rufen, wie zentral die Bedeutung historisch-politischer Bildung ist, um überhaupt aktuelle Vorgänge verstehen und einordnen zu können.
Das Interesse an Orten der historisch-politischen Bildung ist durchaus groß bei Schulen und bei zahlreichen Bildungsträgern. Ein Halbtagesprojekt in einer Gedenkstätte, sei es der Besuch einer KZ-Gedenkstätte, eines ehemaligen Gefängnisses der DDR-Staatssicherheit oder auch einer Kriegsgräberstätte des Zweiten Weltkrieges, kann wertvolle Impulse liefern für die Beschäftigung mit Krieg und Gewaltherrschaft, für die Auseinandersetzung mit den Strukturen und spezifischen Ausprägungen von Diktaturen. Aber: Die Begegnung mit diesen Orten kann keine Wunder bewirken und überzeugte Demokraten binnen Stunden produzieren. Ohne eine geeignete Vor- und Nachbereitung eines solchen Besuches werden Chancen vergeben.
Die Bildungsreferenten des Volksbundes, die in unseren Landesverbänden mit zahlreichen Schulen zusammenarbeiten, erleben vielfach motivierte Lehrerinnen und Lehrer, die an unseren Angeboten interessiert sind. Leider sind die organisatorischen Rahmenbedingungen, ob Stundenkontingente oder aber finanzielle Spielräume, oft schwierig. Eine Nachhaltigkeit können wir vor allem dort erreichen, wo wir Schulen als feste, dauerhafte Partner gewinnen. Die Selbstverortung von jungen Menschen in der Gesellschaft und in der Demokratie setzt Wissen voraus.
Schülerinnen und Schüler können nachhaltig lernen, wenn sie entsprechend vorbereitet einen Gedenk- oder Erinnerungsort in ihrem direkten lokalen Umfeld kennen lernen und dann im Rahmen einer Projektwoche z. B. in einer Bildungsstätte des Volksbundes verschiedene Facetten von Krieg und Gewaltherrschaft erleben, analysieren und in Beziehung setzen können.
Die außerschulischen Bildungsorte – und als solche begreife ich die vielen Kriegsgräberstätten im In- und Ausland – sind eine wichtige Säule der historisch-politischen Bildung. Deren professionelle Betreuung und Vermittlung abzusichern und zugleich schulische Rahmenbedingungen zu verbessern, um diese Orte aufsuchen zu können, das halte ich für wesentlich.

Welche Schwerpunkte setzt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., um die historisch-politische Bildung nachhaltig in der Gesellschaft zu verankern – auch außerhalb von Gedenkjahren? Welche konkreten Projekte werden realisiert?

Der Volksbund betreut derzeit 832 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten. Jede dieser Anlagen hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen geschichtlichen Bezüge. Über 2,6 Millionen Kriegstote ruhen auf unseren Friedhöfen. Diese Anlagen zu pflegen ist schon eine Herausforderung an sich, greift aber fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu kurz.
Diese Orte wandeln sich gegenwärtig von Orten der individuellen Trauer und des konkreten Gedenkens an Angehörige hin zu Gedenkorten, die der Vermittlung bedürfen.
Die nach 1945 geborenen Generationen stellen ganz andere Fragen, wenn sie Kriegsgräbern begegnen. Unsere Aufgabe ist es aber auch, überhaupt Jugendliche und Erwachsene für diese Friedhöfe zu interessieren und die Bedeutung dieser Kriegsgräberstätten für unseren Blick auf unsere Geschichte und die Gedenkkultur zu erklären.
Ich bin der Überzeugung, dass die verschiedenen Kriegsgräberstätten lohnende Ausgangspunkte für die historisch-politische Bildung sind – gerade im europäischen Zusammenhang. Es freut mich, dass gegenwärtig ausgehend vom Gedenkjahr 1914/2014 ein neues Interesse an den vielen Kriegsgräberstätten des Ersten Weltkrieges erwacht. Und zugleich wird an diesen Anlagen, ob es in Flandern, in Frankreich oder auch in Masuren ist – um nur drei Beispiele zu nennen – die europäische Dimension deutlich. Hier beeindruckt und verunsichert nicht nur die gewaltige Dimension der Gräberfelder der verschiedenen Nationen, sondern wird auch die facettenreiche Verflechtung der europäischen Geschichte mit Auswirkungen bis in die Gegenwart offenbar.
Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Wir müssen uns mit ihm auseinandersetzen und sollten es in einem europäischen Dialog tun. Sollte das nicht gelingen, droht eine Tendenz der Renationalisierung – denn eine Reihe von europäischen Staaten verdankt dem Ende des Ersten Weltkrieges ihre nationale Unabhängigkeit.
In diesem Jahr bietet der Volksbund zahlreiche Workcamps für Jugendliche aus ganz Europa mit dem Themenschwerpunkt Erster Weltkrieg an. Dort stehen genau diese verschiedenen Perspektiven im Mittelpunkt und mögliche Konsequenzen für unser gemeinsames Agieren in Europa.
Ein konkretes Beispiel: In einem Camp in Masuren begeben sich Studierende aus verschiedenen Ländern auf die Spuren der Kriegsereignisse vor genau 100 Jahren, die unter dem Titel „Schlacht bei Tannenberg“ in die deutschen Geschichtsbücher eingegangen sind. Im Fokus der Betrachtung dieser deutsch-russischen Kampfhandlungen steht dabei das Schicksal junger polnischer Männer, die in den Uniformen der Armeen des russischen Zaren und des deutschen Kaisers aufeinander schießen mussten. Wie erinnert man sich an diese tragischen Ereignisse heute in Polen, einem Land, das erst am Ende des Ersten Weltkrieges seine Unabhängigkeit wiedererlangte?
Aber auch Bildungs- und Informationsreisen zu den Stätten des Ersten Weltkrieges und Begegnungen von Soldaten aus verschiedenen Ländern organisiert der Volksbund.
Die multiperspektivische Herangehensweise des Volksbundes an die deutschen Kriegsgräberstätten und die Beschäftigung mit dort ruhenden Menschen mit oft schwierigen Biografien wird besonders deutlich in unseren Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten. Fünf solche Einrichtungen betreibt der Volksbund mit eigenen wissenschaftlichen und pädagogischen Mitarbeitern in vier Ländern ganzjährig in unmittelbarer Nähe zu exponierten Kriegsgräberstätten. Die Bildungsangebote dort gestalten jeweils einheimische oder binationale Teams des Volksbundes – die internationale Herangehensweise unserer Bildungsarbeit bildet sich also auch im Personal ab. In diesen Häusern und in den jährlich rund 60 Workcamps erreicht der Volksbund jährlich über 20.000 junge Menschen und Erwachsene mit seinen qualifizierten Bildungs- und Begegnungsangeboten.
Es ist dieser europäische Kontext, der unsere Bildungsarbeit auszeichnet und auch Eingang in die Gedenkkultur findet. Ein demokratisches Erinnern ist die Basis einer europäischen Werteentwicklung.

Welche Erwartungen oder Wünsche haben Sie an den Bundesausschuss Politische Bildung als Interessenvertretung verschiedenster Trägerverbände hinsichtlich der Positionierung der historisch-politischen Bildung in Politik und Gesellschaft?

Die Bedeutung der Stärkung der historisch-politischen Bildung habe ich bereits hervorgehoben, hierbei ist der Bundesausschuss ein zentraler Akteur. Mir ist es wichtig, Kriegsgräberstätten in die fachdidaktischen Diskussionen einzuführen, hierfür ist das Netzwerk „Bundesausschuss Politische Bildung“ uns ein wesentlicher Partner. Ich meine, dass der Volksbund manches in das Netzwerk einbringen kann, wenn Kriegsgräberstätten noch intensiver als bisher als Orte interkultureller Bildungs- und Begegnungsarbeit genutzt werden.
Die Friedhöfe für die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaften müssen als Lern- und Begegnungsorte im Sinne der historisch-politischen Bildung und pädagogische Ressource besser erkannt – und anerkannt – werden. In diesem Zusammenhang halte ich es für wichtig, dass die Kultusministerkonferenz Gedenkstättenfahrten fördert und hier die Lernorte der Kriegsgräber einbezieht.