Thema 1/2014: Historische Kompetenz

Im Februar erschien eine neue Aus­gabe des Jour­nal für poli­ti­sche Bil­dung. Das Thema: Historische Kompetenz. Lesen Sie hier das Vor­wort von Joa­chim Schillo.

2014 spielt die historisch-politische Bildung eine besondere Rolle. Dem Brauch der runden Zahlen folgend gibt das Jahr in mehrfacher Hinsicht Anlass, auf wichtige Stationen, die speziell im 20. Jahrhundert die Weichen stellten, zurückzublicken. Einen herausragenden Platz nehmen dabei der Erste und der Zweite Weltkrieg ein, deren Beginn sich zum 100. bzw. 75. Mal jährt. Das Jahr 1914 steht für den Auftakt der unfriedlichen Ordnung, die von Europa ausgehend die Welt in Krieg und Bürgerkrieg stürzte und die heute – vom erreichten Stand der europäischen Einigung aus betrachtet – als ferne Vergangenheit und gleichzeitig als ein bedenkliches Drohbild erscheint. Für viele der heutigen Zeitgenossen, vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene, ist das ein weit entferntes Zeitalter, dessen Signatur immer undeutlicher wird. Dass die nationalstaatlichen oder weltwirtschaftlichen Triebkräfte, die dieses Zeitalter bestimmten, auch heute noch wirken, ist meist nicht bewusst – genau so wenig wie die Tatsache, dass unsere Eltern- und Großelterngeneration dadurch nachhaltig geprägt wurde.

Pädagogisch tragfähige Zugänge zu solchen historischen Zusammenhängen zu schaffen, um sich in der Gegenwart zu orientieren und Zukunft zu gestalten, ist das Anliegen der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung. Ihr geht es nicht primär um die Vermittlung historischen Wissens über Ereignisse, Institutionen und Personen. Sie will vielmehr die Vergangenheit, den Werdegang der heutigen Welt, als ein Feld erschließen, das den eigenen politischen Standort betrifft und herausfordert. Die Zugänge sind ja meist verschüttet, auch wenn sich heute durch die mediale Informationsüberfülle ein bunter Bilderreigen der Vergangenheit jedem Nachgeborenen geradezu aufdrängt. Der Bildungsarbeit geht es dagegen, kurz gesagt, um historische Kompetenz. Was das heißt – im Grundsätzlichen und bezogen auf die verschiedenen historischen Perspektiven –, will das vorliegende Heft deutlich machen und zur Diskussion stellen.

Es beginnt daher mit einem Grundsatzartikel von Prof. Christine Zeuner (Helmut Schmidt Universität Hamburg), der danach fragt, worin die Vermittlung historischer Kompetenz als Aufgabe außerschulischer politischer Bildung, gerade im Unterschied zur Schule, besteht. Ein wichtiger Bezugspunkt ist dabei das Kompetenzmodell von Oskar Negt. Prof. Arno Klönne (Universität Paderborn) wendet sich dann dem Ersten Weltkrieg und seinen Konsequenzen für die deutsche Erinnerungspolitik zu. Er zieht das Fazit, dass ohne systematische volks- und insbesondere jugendpädagogische Vorbereitung die Militarisierung und Brutalisierung des politischen Lebens nicht möglich gewesen wäre. Prof. Gerd Steffens (Universität Gießen) setzt dies mit einem Beitrag über den Zweiten Weltkrieg fort. Er thematisiert u.a. die Wege und Abwege der deutschen Erinnerungskultur, die sich an der „singulären“ Unmenschlichkeit des NS-Regimes festgemacht hat.

Dem folgt ein Rückblick von Dr. Susanne Rappe-Weber (Archiv der deutschen Jugendbewegung) auf 100 Jahre Jugendbewegung und Jugendarbeit in Deutschland. Ausgangspunkt ist das berühmte Jugendtreffen 1913 auf dem Hohen Meißner, das seine eigene Tradition mit Gedenkveranstaltungen und Rückblicken gestiftet hat. Den Abschluss des Schwerpunkts bildet eine Panorama der Praxis, das von der Journal-Redaktion zusammengestellt wurde. Hier berichten Vertreter und Vertreterinnen der (außerschulischen) politischen Bildung über Planungen, die für das Jahr 2014 anstehen, und reflektieren Notwendigkeit wie Zielsetzungen historisch-politischer Bildung.

Außerhalb des Schwerpunkts gibt es weitere Beiträge, die die historische Dimension in den Blick nehmen. Unter QuerDenken resümiert Prof. Karl-Heinz Boeßenecker (Evangelische Hochschule Darmstadt) die 50jährige Geschichte der Stiftung Mitarbeit, einer Einrichtung, die als Impulsgeber für zivilgesellschaftliche Aktivitäten in Westdeutschland eine wichtige Rolle gespielt hat. Nazaret Nazaretyan und Matthias Klingenberg (dvv international) informieren unter der Rubrik ÜberGrenzen über ein türkisch-armenisches Versöhnungs- und Erinnerungsprojekt, das multinational organisiert wurde.